Geocaching in Tschernobyl? – Ein Bericht von Kleinzschachwitzer

Nachdem Jens aka. Kleinzschachwitzer schon letztes Jahr in diesem Blog über die Tour zum Ape-Cache in Brasilien berichtet hat, konnte ich ihn auch diesmal wieder dafür gewinnen, einen Beitrag für diesen Blog zu schreiben und uns somit einen kleinen Einblick in die Tour zu geben, die er gemeinsam mit predator1337 und anderen vor kurzem unternommen hat: Eine Reise nach Tschernobyl.

„Im letzten Jahr – als 26 völlig normale Geocacher/innen tief im Dschungel Brasiliens das Abenteuer „APE-Cache“ genossen – wurde dort die Idee geboren, als nächste genauso normale Aktion mal nach Pripjat zu reisen… Diese in Privatinitiative gestartete Organisation einer solchen Tour versandete jedoch, aber was blieb war die Idee… Irgendwann Ende letzten Jahres stieß ich dann in den unendlichen Weiten des Internets auf die Seite von urbexplorer.com und ihrer „Pripjat Stalker Tour“ genannten Reise, welche sich zwar vornehmlich an Fotografen richtet, aber auch der Hobby-Knipser, Geocacher und Lost Place Interessierte passt da ins Profil… Gesagt, getan – also gebucht und „predator1337“ – der zweite Dresdner aus der APE-Reisegruppe – entschied sich ebenfalls dafür…

Die Vorfreude wuchs und am Sonnabend, dem 12.3., ging es dann endlich los: da der Treff in Berlin für 14:45 Uhr angesetzt war, nutzten „predator1337“ und ich die Zeit, um vorher in Berlin noch ein paar Caches mit spannenden D/T-Wertungen aufzusuchen… Mein Zeitplan ging auf und obwohl wir im Zielgebiet des Treffs dann ein wenig nach einem freien kostenlosen Parkplatz für die nächsten Tage suchen mussten (die an diesem Wochenende veranstaltete ITB komplizierte dies etwas), erreichten wir punktgenau und als vorletzte den bereitstehenden Bus, einem ganz neuen Ford Transit (18 Plätze) mit polnischem Kennzeichen, der erst 500km auf dem Tacho hatte – nach der Reise waren es 3000km mehr… Unser Trupp bestand jetzt aus 12 Reisegästen + Marek, dem Veranstalter und dem ersten polnischen Fahrer; der zweite wurde unterwegs auf der Fahrt durch Polen eingesammelt. So fuhren wir nun also ostwärts, absolvierten aller 2-3h entsprechende Komfortstops inkl. Essenspausen – beim Italiener im tiefsten Polen hielten wir sowohl auf der Hin- als auch auf der Rückfahrt; bezahlt werden konnte entweder bar mit Euro oder per Kreditkarte. Als wir die EU-Außengrenze zur Ukraine erreichten, war der Sonntag bereits ein paar Stunden alt. Die Grenzformalitäten inkl. Wartezeiten waren lt. Marek ungewöhnlich kurz verglichen mit den vorherigen Reisen – unsere Tour war bereits die 9. nach Pripjat, die urbexplorer.com veranstaltete… Gegen Mittag erreichten wir dann die Hauptstadt Kiew, und nachdem wir endlich eine geöffnete Wechselstube fanden, die genügend „Griwna“ für alle besaß (obwohl wir ja nicht viel umtauschten; 30 EUR für 4 Tage Ukraine genügten völlig), wurde erst mal eine ausgiebige Mittagspause mit Borschtsch und Bier und weiteren einheimischen Gerichten vom Buffet gemacht… Danach starteten wir zum Sightseeing und konnten auf dem Gelände des WWII-Memorials mit einem Virtual (GC36C6) und einem Tradi (GC3VVVV) die ersten Caches in der Ukraine finden… Für die in dem weitläufigen Gelände auch noch liegende Letterbox (GC3888C) fehlte leider die Zeit… Nachdem wir dann am späten Nachmittag unser Hotel bezogen, ging es am Abend mit unserem einheimischen Guide, den wir an diesem Tag für Kiew hatten und den wir anschließend in unserem Hotel in Tschernobyl wieder trafen, als er eine polnische Reisegruppe betreute, per Metro ins Zentrum von Kiew, zum Maidan… Dabei vermittelte er uns in Englisch viel von seinen Erlebnissen rund um die damaligen Geschehnisse hier… Später dann probierten wir in ein paar typischen Bars div. unterschiedliche Wodka-Geschmacksrichtungen… In Kiew wurden wir noch bei 3 weiteren Tradis fündig, diese waren aber allesamt in einem sehr schlechten Zustand, d.h. die Logbücher bzw. was davon noch übrig war, waren übervoll… Geocaching ist hier eindeutig unterrepräsentiert; außerhalb der Hauptstadt findet man nur noch im Grenzgebiet zu Polen ein paar größere Ansammlungen, ansonsten gibts im Land immer nur sporadisch mal eine Dose…

Kiew - WWII-Memorial; Blick nach Fund des Tradis in Richtung Virtual...

Kiew – WWII-Memorial; Blick nach Fund des Tradis in Richtung Virtual…

Am nächsten Tag ging es nun von Kiew nach Tschernobyl, einer Sperrzone rund um den havarierten Reaktorblock 4, eingeteilt in eine 30km- und eine 10km-Zone, an deren Grenzen die ukrainische Miliz jeweils die Genehmigungen bei der Einreise und die Kontaminierung bei der Ausreise überwacht… Nach einem ersten Fotostop am Ortseingangsdenkmal ging es erst mal in östlicher Richtung weiter, um mitten in der Landschaft das Gehöft einer sehr betagten Familie zu besuchen, welche nach der Evakuierung illegalerweise wieder in ihre Heimat zurückkehrte, was von staatlicher Seite aber nun mittlerweile geduldet wird… Auf dem Rückweg gen Pripjat hielten wir bei einer Brücke und erblickten von da aus in der Ferne zum ersten Mal das Kernkraftwerk sowie den neuen noch im Bau befindlichen Sarkophag. Weiter ging es, und alsbald kamen wir zum Dorf Kopatschi, in welchem nur noch der aus Stein gebaute Kindergarten sowie ein Denkmal für die im 2. Weltkrieg gefallenen Soldaten bestehen blieb, die übrigen aus Holz erbauten Häuser wurden wegen der starken Kontamination abgerissen… Nun begann unsere erste Lost Place Besichtigung, und was für eine: „predator1337“ fand es total gruselig hier und ich war irgendwie fasziniert – von der Stimmung, den Bildern im Kopf und später auch in der Kamera, einfach unbeschreiblich… Hier zeigten unsere Dosimeter das erste Mal auch leicht erhöhte Werte an, gegenüber den 0,1-0,2 µSv/h der natürlichen Strahlung, wie sie sowohl in Berlin als auch im Ort Tschernobyl anzutreffen ist, waren es jetzt zwischen 1-2 µSv/h und unser Guide zeigte uns dann bei einem Baum einen Hotspot, bei dem sein Gerät dann 11,2 µSv/h anzeigte… Nun fuhren wir zum Kernkraftwerk, in welchem ca. 2000 Arbeiter wohl noch Jahrzehnte mit der Stilllegung zu tun haben und dazu aktuell auch noch mit der Fertigstellung des neuen Sarkophags, und machten bei 2,03 µSv/h ein paar Selfies am Denkmal… Danach ging es hinein nach Pripjat und wir besichtigten die Fabrik „Jupiter“, welche zu Zeiten der Sowjetunion für militärische Zwecke div. elektronische Komponenten fertigte; ein riesiges Areal mit Bürogebäuden und Werkhallen, für das man allein eigentlich einen ganzen Tag einplanen sollte… Wir hatten nur ein paar Stunden und so reichte es gerade, um das Bürohochhaus vom Erdgeschoß bis rauf zum Dach mit den Satellitenschüsseln zu erkunden…

Auf dem Dach eines Bürogebäudes der Jupiter-Fabrik

Auf dem Dach eines Bürogebäudes der Jupiter-Fabrik

Am späten Nachmittag kamen wir dann noch am Wrack eines Panzers aus dem 2. Weltkrieg vorbei und den Abschluss unserer heutigen Erkundungstour bildete die Ruine eines sich im Bau befindlichen Kühlturms. Der Boden war an vielen Stellen mit Moos bedeckt und hier schlugen die Dosimeter mal wieder etwas aus, aber wir waren ja schnell wieder raus, säuberten danach unsere Schuhe und konnten im Ergebnis dessen bei der Ausfahrt aus der 10 km-Zone dem Detektor allesamt ein grünes Licht entlocken…

Ein Panzer aus dem zweiten Weltkrieg

Ein Panzer aus dem zweiten Weltkrieg

Nun ging es wieder nach Tschernobyl und als erstes in einen Supermarkt, was aber mehr ein „Tante-Emma-Laden“ war, um uns mit div. Dingen, vor allem Alkoholika, einzudecken… Danach erreichten wir unser Hotel, in dem wir 2 Nächte verbringen sollten. Bereits im Vorfeld wurden wir aufgeklärt, dass wir uns in Tschernobyl am Abend nicht einfach so frei bewegen können und es ab 22 Uhr eine Ausgangssperre gibt, d.h. das Hotel wird dann auch abgeschlossen. Toiletten und Duschen waren zwar auf der Etage in separaten Räumen ausgelagert, entsprachen aber allesamt dem aus DE gewohnten Standard und die Verpflegung war reichhaltig. Die Hotelbar bot eigentlich nix, aber da hatten wir ja vorgesorgt und so verbrachten wir bei  Bier und Wodka nach demAbendessen noch einige Stunden am Tisch und ließen den Tag Revue passieren…

Ortseingang von Tschernobyl

Ortseingang von Tschernobyl

12980689_1069523039756486_1516538380_o

Kernkraftwerk: Denkmal und Block 4

12948574_1069525886422868_1440554061_o

Die Sonne geht hinter dem Kernkraftwerk unter

Am nächsten Tag genossen wir Pripjat pur: wir besichtigten einen weiteren Kindergarten – auch hier wieder die Bilder mit den Puppen, die man wohl nie vergisst – und danach mit dem Krankenhaus eines der prägenden Lost Places dieser Geisterstadt. Klare Instruktion am Anfang: nicht in den Keller; dieser darf nur mit geeigneter Schutzausrüstung betreten werden, denn da sind die Kleidungsstücke der Liquidatoren untergebracht! Und auch am Eingang äußerste Vorsicht, denn da lag auf einem Tisch noch ein unscheinbarer Stofffetzen davon rum, bei dem uns unser Guide mit seinem Dosimeter die höchste Strahlungsleistung demonstrierte, die ihm im geführten Bereich der Zone jemals begegnete: 872,3 µSv/h !!! Alle anderen Etagen wurden nun besichtigt und auch hier werden die Bilder mit den OP-Sälen und den div. noch gefüllten Medizinflaschen so schnell nicht vergessen werden…

Im Krankenhaus

Im Krankenhaus

Die weiteren Etappen des heutigen Tages waren:
– Café und Schiffsanleger
– Hotel „Polissya“: wir waren auch auf dem Dach mit dem Schriftzug
– Kulturhaus „Energetyk“
– Riesenrad + Autoscooter –> Earthcache GC2V455 „Bennies Blowout Battle“ – der einzige Geocache außerhalb Kiews auf unserer Reise durch die Ukraine und natürlich DER Geocaching-Höhepunkt: die wichtigste Aufgabe, die nur vor Ort zu lösen war, war die Bestimmung der aktuellen Strahlungsleistung in µSv/h
– Klaviergeschäft
– Schule mit den vielen Gasmasken
– Schwimmbad „Azur“
– 16 stöckiges Wohngebäude + 10 stöckiges Hotel: jeweils bis aufs Dach spaziert
– Fischzuchtstation und der Abschluß bildete dann ein grandioser Sonnenuntergang mit dem Kraftwerk im Hintergrund als Kulisse…

Kopatschi: Denkmal und Kindergarten

Kopatschi: Denkmal und Kindergarten

Im Kindergarten

Im Kindergarten

Hier war die Messung für den Earthcache

Hier war die Messung für den Earthcache

Am letzten Tag ging es dann zu einem weiteren Höhepunkt im wahrsten Sinne des Wortes, denn das OTH (Over The Horizon) Radarsystem Duga-3 ist einfach ein grandioses T5-Objekt… Hier trauten wir uns nur bis in die 5. Etage, lt. GPS auf 28m Höhe, denn die nachfolgenden Treppen erschienen leicht labil… Schade, denn bis auf 150m könnte es nach oben gehen, sofern das Material noch trägt… Absoluter Wahnsinn, was hier in die Landschaft gesetzt wurde…

Radarstation Duga-3

Radarstation Duga-3

Danach besichtigten wir noch weitere Gebäude dieses Komplexes, wie Schaltzentrale, Schule, Sporthalle, Kino und als letztes Lost Place Objekt schauten wir uns im Kinderferienlager „Isumrudnyi“ ein wenig um… Danach ging es noch einmal zum Hotel zurück zwecks (Nach)Mittagessen, duschen und umziehen und gegen 16 Uhr startete die Rückreise, bei der wir dann unterwegs am Grenzübergang Ukraine-Polen erneut ganz viel Glück hatten und in nur 1h das ganze Prozedere überstanden, d.h. unser Bus wurde nicht auseinander genommen und wir mussten nix auspacken… Vorher hielten wir ja noch mal an einem Supermarkt und deckten uns da u.a. mit der erlaubten Menge von 1 Liter Wodka ein… Zwischendrin in Polen pausierten wir wieder bei dem bereits von der Hinfahrt bekannten Italiener und nach einer leckeren Pizza fuhren wir dann auch bis Berlin durch, wo wir dann am Donnerstag gegen Mittag eintrafen… Damit war dieses sensationelle Abenteuer nun leider vorbei; nun stand nur noch eine langweilige Heimreise nach Dresden an…

PS: Gesamtstrahlendosis nach 3 Tagen: 0,005 Millisievert
–> Zum Vergleich: Im Inneren eines Flugzeuges in 10 bis 12 Kilometer Höhe sind 5 µSv/h eine typische Dosisleistung
(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Strahlenexposition#Strahlenexposition_durch_nat.C3.BCrliche_Quellen), entspricht also 1h auf einem Langstreckenflug „

4 thoughts on “Geocaching in Tschernobyl? – Ein Bericht von Kleinzschachwitzer

  1. Lieber Kleinzschachwitzer,

    vielen Dank für diesen tollen Bericht. Ich kann mich noch an den Geschmack der „Impfung“ erinnern, die wir damals nach der Katastrophe verabreicht bekommen haben… Die Tage waren seltsam, aber Deine Bilder übersteigen noch die damalige Atmosphäre der Angst.

    Vielen Dank auch an Kati für die Veröffentlichung und liebe Grüße aus Dresden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.